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Tallinn: Das Mittelalter im Herzen

29.06.2007 - 11:45 Uhr
Tallinn: Das Mittelalter im Herzen
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Tallinn: Das Mittelalter im Herzen

 

Hohe Stadtmauern am Burgberg, schlanke Kirchtürme neben orthodoxen Zwiebeltürmen, barocke Stadtpaläste, in den Vororten Holzvillen aus der Jahrhundertwendezeit und Plattenbausiedlungen, downtown die ersten verspiegelten Hoteltürme: Die Hauptstadt Estlands entführt seine Besucher in so viele Epochen wie kaum eine andere. Auch in den Straßen begegnet einem ein bunter Mix aus Blümchen verkaufenden Großmütterchen und schicken Neureichen, Kreuzfahrttouristen und Londoner Junggesellenabschieden.

von Andrea Bonder

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Ein Spaziergang durch die Altstadt von Tallinn gleicht einem Streifzug durch sieben Jahrhunderte. Die Dänen legten um 1220 den Grundstein für die Domkirche in der Oberstadt. Wenig später siedelten die Deutschen Kaufleute an, Reval (so der damalige Name) wurde Hansestadt und erhielt Kaufmanns- und Gildehäuser und hat wie die Hansestadtschwester Lübeck ein Marzipanmuseum. Der Hafen als einer der wichtigsten im Ostsee- und Russlandhandel brachte der Stadt Reichtum. Die häufig wechselnden Herrscher (Schweden, Dänen, Deutsche und Russen) bauten nacheinander ihre Klöster und Gotteshäuser, deren Turmspitzen noch heute locker aus dem roten Dächermeer der Altstadt herausragen. Die Olaikirche war bis ins 17. Jahrhundert sogar das höchste Gebäude der Welt.

Das alte Zentrum der Stadt, die seit der Unabhängigkeit Estlands 1918 Tallinn heißt, wurde vor zehn Jahren zum Weltkulturerbe erklärt. Tallinn ist 2011 gemeinsam mit Turku, der ältesten Stadt Finnlands, Kulturhauptstadt Europas. In der noblen, kleinen Oberstadt, der früher Bischöfe, deutsche Ritter und Adelige wohnten, sind heute viele Botschaften beheimatet. Die meisten der Häuser und Paläste entlang der Kopfsteingassen sind aufwändig restauriert. In der prachtvollen, mit viel Gold verzierten Alexander-Nevsky-Kathedrale huldigen in Gottesdiensten vor allem ältere Mütterchen den zwei Ikonen. Die Unterstadt, in der die Kaufleute, Handwerker und eine zum Teil deutsche Bevölkerung lebte, ist heute die Touristenattraktion der Stadt. In den Straßen rund um den großen Platz mit dem gotischen Rathaus befinden sich zahlreiche Traditionsgeschäfte, kleine Hotels, Kunst- und Flohmärkte und vor allem Biergärten und Restaurants.

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Essen wie vor 500 Jahren

Ein echtes Erlebnis ist ein mittelalterliches Mahl in der Olde Hansa. In dem Kaufmannshaus sitzt man bei schummerigem Kerzenlicht und mittelalterlicher Musik an groben Holztischen, während ein gut gelaunter, ritterlich gekleideter Kellner einen Gang nach dem nächsten aufträgt. Zu Bärenhack, Wildgulasch, gegrilltem Kaninchen, in Bier mariniertem Schwein, getrockneten Elchfleisch und Hansehering werden Krüge mit gewürztem Bier und Beerenschnaps serviert. Nach der üppigen Mahlzeit bringt ein Kümmel-Aquavit alle wieder auf die Beine.

Östlich der Innenstadt liegt einer der grünsten und kulturellsten Stadtteile Tallinns. Schon auf der Fahrt dorthin sind in malerisch-wilden Gärten 100 Jahre alte, russische Holzhäuser zu sehen. In luxuriösen Steinvillen haben sich Botschaften und reiche Geschäftsleute niedergelassen. Namensgeberin von Katharinen-Tal (oder Kadriorg) ist Katharina I., die Frau des russischen Zaren Peter des Großen, der seiner Frau im 18. Jahrhundert als Sommer­residenz ein rosa-weißes Barockschlösschen baute, in dem heute eine Kunstsammlung beheimatet ist. In dem ausladenden, umwaldeten, hübsch angelegten Park ist in einem ähnlich rosanen Gebäude der Präsidentenpalast.

Einen kurzen Spaziergang entfernt steht Tallinns supermodernes neues Kunstmuseum, das ein finnischer Architekt Anfang 2006 fertiggestellt hat. Das halbrunde KuMu ist auf einem Kalksandsteinberg erbaut, dem wichtigsten Baumaterial schon im mittelalterlichen Tallinn. Neben zwei Stockwerken mit estnischen Malereien sind in KUnstMUuseum moderne Wechselausstellungen zu sehen, vor allem aus Russland und Westeuropa.

In Katharinen-Tal finden regelmäßig große Sängerfeste statt. Auf der Sängerwiese treffen sich schon seit 1869 Chöre, aber das größte Fest fand erst 1990 statt. Zur Unabhängigkeit traten auf der riesigen Bühne zur ?Singenden Revolution? mehr als 30.000 Sänger vor einer halben Million Zuschauer auf. Eine beeindruckende Zahl, denn in Tallinn mit nur rund 400.000 Einwohnern lebt bereits mehr als ein Viertel der estnischen Bevölkerung. Das nächste riesige Sängerfestival ist erst wieder 2009 geplant.

Telegraaf Hotel
Einen Block vom Rathausplatz entfernt hat im April das neueste Fünf-Sterne-Hotel Tallinns eröffnet. Das historische Gebäude des Telegraaf Hotel war vor 120 Jahren als Bank und seit der Unabhängigkeit 1918 als Telegrafenamt genutzt worden. Im Zuge der zweijährigen Renovierung haben die Architekten sogar einen im Krieg zerstörten Flügel wieder aufbauen lassen. In dem neuen Anbau des Small Luxury Hotels liegen die modernen Executive Rooms und die Junior Suiten, die klassischen Standardzimmer sind im alten Gebäudeteil. Hier befinden sich auch die Suiten, die nach den Telekommunikations-Erfindern Samuel Morse, Werner von Siemens, Alexander Bell und Aleksander Popov benannt sind. Der Hotel-Spa hat einen mediterranen Wellnessbereich mit einem kleinen Pool, Jacuzzi und Liegen unter einem Glasdach. Weitere Highlights sind das russische Restaurant Tchaikovsky und zur Freude der Mietwagenurlauber die einzige Hoteltiefgarage der Altstadt (Vene 9, www.telegraafhotel.com).

Swissotel Tallinn

Einen Kilometer von der Altstadt entfernt sieht das Swissotel Tallinn seiner Eröffnung im Spätsommer 2007 entgegen. Das dann höchste Gebäude der Stadt bekommt 238 Zimmer und Suiten, eine Executive Club Lounge und drei designte Restaurants und Bars im Lounge-Stil. Das Horisont Restaurant im obersten Stock verspricht tolle Ausblicke über die Dächer der Stadt. Der Amrita Spa bietet Massagen, ein Pool, ein Fitness-Studio, Sauna und Dampfbad (Tornimäe Street 3, www.tallinn.swissotel.com).

St. Petersbourg Hotel und Schlössle Hotel

Mitten in der Altstadt liegen zwei kleine, romantische Häuser. Das St. Petersbourg Hotel hat 27 luxuriös eingerichtete Zimmer und Suiten, deren Möbel an den russischen Imperial-Stil erinnern. Das russische Restaurant Nevskij ist opulent mit goldenen Spiegeln und roten Sofas eingerichtet. Nur wenige Straßen entfernt ist das Schwesterhaus mit dem deutschen Namen Schlössle, das zu den Leading Small Hotels gehört. Die 23 Zimmer und Suiten sind mit weißen Möbeln und blumigen Tapeten und Tagesdecken eingerichtet. Restaurant und Lobby wirken eher mittelalterlich (Rataskaevu 7, www.schlossle-hotels.com/st.petersbourg, und Pühavaimu 13/15, www.schlossle-hotels.com/schlossle).

Wer nicht im Rahmen einer Ostsee-Kreuzfahrt oder Baltikum-Busrundreise nach Tallinn kommt, hat mittlerweile eine ganze Reihe Flugverbindungen zur Auswahl. Estonian Air fliegt von Frankfurt, Hamburg und Wien mehrmals die Woche ohne Zwischenstop nach Tallinn. Täglich starten Easyjet ab Berlin-Schönefeld und Lufthansa ab Frankfurt. Air Baltic fliegt von Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München, Wien und Zürich, allerdings eine Umsteigeverbindung über Riga. Für die Einreise nach Estland benötigt man einen Reisepass, da das EU-Land noch nicht zum Schengen-Raum gehört.

Die Tallinn-Card

Das Fremdenverkehrsamt hat eine Touristenkarte herausgebracht, die kostenlosen Eintritt zu den meisten Sehenswürdigkeiten gewährt. Gratis sind 40 Museen, Kirchen und historische Gebäude (darunter das Katharinenschloß und das Kumu), öffentliche Verkehrsmittel, Stadtrundgänge, Fahrradführungen, Spa- und Saunaeintritte und die Diskothek Club Hollywood. Die Karte gibt es für 6/24/48/72 Stunden (8/22,50/26/29 Euro, www.tallinncard.ee).

Abstecher über die Ostsee

Tallinn ist für Finnen ein günstiges und beliebtes Tagesausflugs- und Shoppingziel. Da diverse Fährgesellschaften die estnische Hauptstadt mehrmals täglich mit Helsinki verbinden, bietet sich ein Kurztripp nach Finnland an. Am schnellsten ist der Katamaran von Lindaline, der die Strecke in 90 Minuten schafft. Die Schiffe legen auf beiden Seiten zwischen acht und 22 Uhr alle zwei Stunden ab (Fahrpreis 42 Euro für die Hin- und Rückfahrt, www.lindaline.fi).

Interessante Links:

Fremdenverkehrsamt Tallinn: www.tourism.tallinn.ee
Fremdenverkehrsamt Estland: www.visitestonia.com
Fremdenverkehrsamt Baltikum: www.baltikuminfo.de
Restaurant Olde Hansa: www.oldehansa.ee
Estonian Air: www.estonianair.com
Easyjet: www.easyjet.de
Lufthansa: www.lufthansa.de
Air Baltic: www.airbaltic.com

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